Stellungnahme zur Agrarministerkonferenz am 18.01.2014

Wie grün ist grün?

Stellungnahme des deutsch-französischen Soziologen und Filmemachers Nils Aguilar zur internationalen Agrarminister-Konferenz in Berlin im Rahmen der „Grünen Woche“:

Am 18.01.2014 werden auch dieses Jahr wieder Agrarminister aus aller Welt tagen, um sich – hinter verschlossenen Türen – über technische Innovationen, Deals und Strategien aus dem Agrarsektor auszutauschen. Im Anschluss werden sie vollmundig versprechen, es würde sich alles zum Besseren wenden und dabei auf das diesjährige Motto der Konferenz verweisen: „Landwirtschaft stärken – Krisen meistern – Ernährung sichern“.

Zur selben Uhrzeit werden Zehntausende vor dem Kanzleramt zusammenströmen, die statt leerer Worthülsen eine wirklich zukunftsfähige Landwirtschaft sehen wollen. Sie wissen, dass auf der Agrarministerkonferenz weder die richtigen Antworten genannt werden, noch – was vermutlich noch schwerer wiegt – die richtigen Fragen gestellt werden.

Im Agrobusinesssektor und in den befreundeten Politikeretagen scheint man in der Tat blind zu sein vor der größten Herausforderung unserer Zeit. Wohl weiß man, dass eine stetig zunehmende Weltbevölkerung ernährt werden muss, und auch, dass wir dieses Ziel bei steigenden Rohstoffpreisen und bei klimabedingten Ernteausfällen erreichen werden müssen. Doch es wird unterschlagen, dass das industrielle Agrarsystem, das auf die größtmögliche Rendite auf dem Weltmarkt ausgerichtet ist, diese Aufgabe nicht erfüllen können wird.

Denn in der Agrarindustrie werden – salopp gesagt – nur dann Profite gemacht, wenn Chemie im Spiel ist. Überall dort wo Bäume, Mikroorganismen und die Sonne kostenlos arbeiten, verdient kein Konzern daran. Ein Agrar-Ökosystem muss immer “verkünstlicht“ werden, damit die Aktionäre daran verdienen können.

Das führt zu einer großen Absurdität, nämlich zu einer verwegenen Energiebilanz dieses Agrarmodells: Im industriellen Lebensmittelsystem werden in der Regel 10-20 Energiekalorien investiert, um 1 Nahrungskalorie zu produzieren. Volkswirtschaftlich ist das nur möglich durch ein konzertiertes System fehlgeleiteter Subventionen und Abmachungen zwischen Politik und Industrie.

Der von der Weltbank und der FAO in Auftrag gegebene Weltagrarbericht von 2009 belegt überdies eindrücklich, dass das profitorientierte und auf Monokultur, Saatgutprivatisierung und Agrarchemie basierende Agrarmodell (nebst zahlreicher sozialer Probleme wie der Landnahme und der ländlichen Arbeitslosigkeit) systematisch zu einer Mineralisierung des organischen Materials der Böden führt (d.h. zur „Verbrennung“ von Humus) sowie in der Folge des Absterbens der Böden, zur Erosion. Wo lebendige, gesunde Böden der Atmosphäre massenhaft CO2 entziehen könnten, werden in sterilen, chemischen Agrarsystemen viele klimaschädliche Gase ausgestoßen (Stickoxide, CO2). Aus unseren potentiellen Klimahelfern, den Böden, werden so im Handumdrehen Klimakiller.

Dies alles entzieht sich weitestgehend unseren Blicken: Dass in einer nur 30 cm dünnen Erdschicht rund 80% der pflanzlichen und tierischen Biomasse des Planeten lebt und atmet, sieht man auf der Erdoberfläche nur dann, wenn es schon zu spät ist. Würden wir uns dessen bewusst werden, wie steril unsere Böden nur rund 60 Jahre nach der industriellen Revolution in der Landwirtschaft geworden sind, würden wir andere Prioritäten setzen und dem Lebensraum der Bodenbakterien und Regenwürmer wohl mehr Wert einräumen als der Rettung des Pandabären und anderer emblematischer Felltiere.

Um es kurz zu formulieren: Wo Agrarpolitik an der Börse verhandelt wird und Agrarforschung durch private Konzerne finanziert wird, sind Hungerkrisen vorprogrammiert. Die kurzsichtige Ära der “chemischen Intensivierung“ unserer Landwirtschaft sollte daher so rasch wie möglich durch eine neue Ära der biologischen und also lebensförderlichen ökologischen Intensivierung abgelöst werden.

Wie könnte eine ökologische Intensivierung der Landwirtschaft aussehen?

In unserem Film „Voices of Transition“, dessen DVD-Start wir symbolisch auf den 17. Januar als dem Vorabend des Agrarministertreffens gelegt haben, zeigen wir einen entgegengesetzten, positiven Trend zu dem oben Geschilderten auf, der beweist: Die Lösungen gibt es im Grunde schon längst, und sie werden heute weltweit angewandt. In England, Frankreich und Kuba beispielsweise schaffen es engagierte Gemeinden, regional autonom funktionierende, ökologische Ernährungssysteme zu etablieren und so ihre Versorgung mit Lebensmitteln nicht länger durch multinationale Großkonzerne dominieren zu lassen.

Im ersten Teil des Films wird in Frankreich gezeigt, wie man durch das Vermischen von Bäumen mit Ackerkulturen unverhoffte Synergieeffekte erzielen kann. In so genannten „Agroforstsystemen“ ist die Artenvielfalt stark erhöht, die ökologische Gesundheit der Parzelle verbessert und oft darüber hinaus noch der Gesamternteertrag gesteigert.

In England führen engagierte Bürger aus der „Transition Towns“ Bewegung modellhaft vor, wie viele Synergien auch unter Menschen freigesetzt werden können, wenn man sich zusammentut und seine Zukunft gemeinsam neu erfindet: Energiekooperativen, Regionalwährungen und solidarische Landwirtschaft sind einige dieser Lösungswege, die uns zu einer lokaleren Wirtschaft führen, sowie zu einer neuen Kultur des Teilens und zu einer neuen Lebensqualität.

In Kuba lehrt uns die Geschichte, wie schnell aus der Not eine Tugend werden kann. Als Anfang der 90er Jahre die Sowjetunion als Handelspartner quasi über Nacht wegfiel, musste Kubas industrialisierte Landwirtschaft plötzlich ohne Erdöl, Chemie und Maschinen zurechtkommen. Um einer Hungersnot auszuweichen, musste man Schritt für Schritt lernen, mit erdölfreien, biologischen Produktionsmethoden Nahrungsmittel herzustellen. Heute schafft es die Zwei-Millionen-Stadt La Havanna, rund 70% ihres konsumierten Obst und Gemüses innerhalb der Stadtgrenzen zu produzieren – in Bioqualität.

Den verschiedenen, in „Voices of Transition“ erzählten Geschichten liegt eine ermutigende Botschaft zugrunde: Wenn wir enger mit der Natur arbeiten, tun sich unverhoffte Chancen auf. Und wenn wir sowohl mit der Natur zusammenarbeiten als auch mit anderen Menschen, verändern wir die Welt.

Mehr Informationen auf der offiziellen Webseite des Projekts „http://www.voicesoftransition.org